LebensPraxis

Lebenspraxis

Leben und lernen

In allen Entwicklungsstufen funktioniert Lernen gut über die Verknüpfung mit praktischen Projekten. Nicht "erst lernen und  später anwenden" ist das Motto, sondern "etwas Konkretes, Praktisches tun und dabei lernen". Eigenes Agieren hat eine gesellschaftliche Relevanz. Der / die Einzelne  ist Teil einer Gemeinschaft, sein Handeln hat Auswirkungen auf Andere - auch das ist eine wichtige Erfahrungsebene. Konkret: Wenn z. B. die drei von der Kochgruppe lieber Schmetterlinge fangen, statt das Feuer zu schüren, sind sie später von 20 hungrigen Mitschülern umringt...

Auf einer anderen Ebene angesiedelt ist unsere vielstufige Vorbereitung auf das Berufsleben. Angefangen bei kurzen Praktika, über das Vorstellen verschiedener Berufsbilder und das Zusammentreffen mit Praktikern aus unterschiedlichsten Berufsfeldern bis hin zum professionellen Bewerbungs-Parcours. Die konkrete, realitätsgesättigte Erfahrung steht im Vordergrund.

Verschiedene Beispiele und Einblicke finden Sie im Folgenden.

 

 

Berufsvorbereitung -Fit for Job

Unser Flaggschiff in der Berufsvorbereitung ist der Fit-for-Job-Tag. Der heißt zwar "Tag", hat aber einen langen Vorlauf: Einführung im Unterricht zu Bewerbungsanforderungen und Bewerbungsunterlagen. Dann Erstellen einer Bewerbungsmappe und Einreichen dieser Mappe bei echten Profis. Schließlich: Einladung zum Vorstellungsgespräch, Vorstellungsrunde. Feedback der Profis.

Woher wir Profis haben? Unter den Eltern unserer SchülerInnen sind viele, die in der Personalentwicklung arbeiten und in ihrem Berufsleben bei der Personalauswahl mitmischen. Sie finden sich in wechselnden Konstellationen seit vielen Jahren für dieses "Realtraining" zusammen. Selbst Assessment Center wurden schon geprobt.  

Daneben gehören Praktika schon von der 5. Klasse an für alle dazu.

Und wechselnde oder ergänzende Zusatzangebote wie der "Finance Coach" haben sich auch bereits etabliert.

"Outdoor" - Lebenswelten außerhalb der Schule

Wir bieten in der Mittelschule ab dem Schuljahr 2015/16 zwei Ganztagsklassen, die starke Akzente auf praktische, gesamtheitliche Aktionen legen: Mit einem wöchentlichen "Outdoortag" pflegt die eine Lerngruppe einen festen Wochenrhythmus für externe Unternehmungen primär im gesellschaftlich-sozialen Bereich. Und mit der Ausrichtung auf eine künstlerische Bühnenpräsentation am Jahresende hat die Lerngruppe mit dem musischen Schwerpunkt ein definiertes Ziel, zu dem die verschiedenen Teilaspekte wie Musik, Theater, Bewegung und Kunst ein Ganzes geben müssen.

Eine wichtige Ebene ist in jedem Fall das handwerkliche und planerische Tun: Was ist z. B. alles zu machen, damit ein Stück Wildnis zum nutzbaren Garten für eine soziale Einrichtung wird? Wie wird eine Baumschere am geschicktesten genutzt?  Und was ist beim Malen eines Bühnenbildes zu berücksichtigen und woher kommen die Requisiten? Alles Aufgaben, die erkannt und gelöst werden müssen.

Begegnungsort Harnbach-Mühle

Seit Jahren gehen Lerngruppen der Mittelschule regelmäßig zur Harnbacher Mühle und arbeiten dort mit am Aufbau der Begegnungsstätte, die der Mühlenkraft e.V. initiiert hat.

Inzwischen hat sich eine gewisse Routine eingestellt: Arbeitsplan, Aufgabenverteilung, Beetpflege, kleinere Rodungsarbeiten, Kochen für die Gruppe etc.
Andererseits erlaubt dieses routinierte Mitwirken ganz neue Weiterungen: Kontakte mit benachbarten Sozialeinrichtungen, Einladungen an die Flüchtlingskinder aus dem Asylbewerberlager, gemeinsame Aktionen mit dortigen Schulen oder Gruppen.

Praktisch und lebensnah in den Lerngruppen der Grundstufe

Auch die Grundschüler der Ganztagslerngruppen mögen ihren  "lebenspraktischen Tag". Das sind feste Tage (oder Zeiten bei den Halbtagslerngruppen), in denen sie ganz unterschiedliche Erfahrungen an einem Lernort außerhalb der Schule sammeln.

Für die Halbtagslerngruppen oder die Hortkinder kann das vom Bedienen der Ticketautomaten für die S-Bahn bis zum Besuch in einem Altersheim oder den Aktivitäten in einem Künstleratelier sein. Und für eine andere Gruppe stellt sich die Aufgabe, was alles ein Bienenhaus enthalten müsse, damit Bienen darin gut leben können (- und wir im nächsten Jahr auch Honig zu naschen haben). Alles, was Einblicke in eine nichtschulische Lebenswelt gibt, ist geeignet für solche Exkursionen.

Arbeit auf dem Bauernhof

Zwei unserer Ganztagslerngruppen besuchen wöchentlich jeweils einen Bauernhof und arbeiten dort mit.
Im einen Fall ist es ein Vollerwerbshof, wo die Kinder die landwirtschaftlichen Abläufe im Jahreskreislauf erfahren. Besondere Schwerpunkte sind die Versorgung der Tiere und das handwerkliche Arbeiten mit Holz. (Die Bäuerin ist auch gelernte Schreinerin!)
Unser zweiter Bauernhof-Partner ist ein biologisch produzierender Nebenerwerbshof. Hier gibt es nicht nur Rinder und Schweine, wie beim konventionell arbeitenden Vollerwerbshof, sondern darüber hinaus auch noch Hühner, Ziegen, Hasen, Enten und Esel. Die Bio-Bäuerin ist zudem ausgebildete Kräuterpädagogin. Der Schwerpunkt hier liegt neben der Tierversorgung bei Ernährungsfragen, der Qualität von Lebensmitteln und dem Kochen.

In allen Fällen übernehmen die Kinder notwendige Arbeiten, die Ausdauer und Anstrengungsbereitschaft verlangen.

Die Lerngruppen gehen jeweils an einem bestimmten Tag der Woche das ganze Jahr zu "ihrem" Bauernhof. Sie entwickeln aus dem Zusammenhang ihrer Erfahrungen und Beobachtungen eigene Überlegungen für den Hof oder die Tiere, fühlen sich dabei ernst genommen und wollen etwas für den bäuerlichen Betrieb leisten.

Impressionen vom Bauernhof

Hahn im Hof
Saubere Ställe sind Pflichtaufgabe
Fellpflege und Massage für die Esel
Neuzugänge im Schweinestall
Salate, Radieschen, Wicken ... für´s Hochbeet
Ein Wohnwagen für die Ziegen
Porträt einer Ziegendame
"Es gibt keine UN-Kräuter!"
Schmusepause
 
 
 

Die Verbindung mit schulischen Inhalten

Zurück in der Schule, werden die Wahrnehmungen, Arbeiten und Überlegungen von den außerschulischen Aktionen und Lernorten dokumentiert. Aber das ist nicht alles.

Aus der Arbeit außerhalb der Schule lassen sich sehr viele Aspekte in die innerschulischen Aufgaben übernehmen: Aus der Futterverteilung lassen sich z. B. Rechenaufgaben für die Grundschüler ableiten und in den naturwissenschaftlichen Fächern können die Themen Lebensmittelproduktion oder Ernährung vertieft werden.
Am eindrucksvollsten ist jedoch das ganzheitliche Erleben und vernetzte Wahrnehmen von Einzeldisziplinen wie Biologie, Geschichte, Umweltschutz. Die von Maria Montessori geforderte "Kosmische Erziehung" wird in dem kleinen (Teil-)Kosmos Bauernhof mehr als anschaulich und plausibel: Jedes Kind findet dort exemplarisch seinen Platz, entwickelt Verständnis für die Abhängigkeiten von Natur und Kultur, von vorgefundenen Bedingungen und menschlichem Einfluss. Und diese Erfahrung kann dann in andere Bereiche transportiert  und  weiterentwickelt werden für ein verantwortliches Handeln in der Gemeinschaft.

Praktische Anwendung - z.B. in Mathe

Das Thema "Geschwindigkeit" wird anschaulich, wenn das Formelwissen in eine praktische Messung umgesetzt wird und alle gut zusammenwirken.

Schauplatz ist die Straße vor der Schule, eine Tempo 30-Zone. Also: Definierte Strecke abmessen und markieren. Zwei Messtrupps am Anfang und Ende in Sichtweite zueinander. Eine vorprogrmmierte Eccel-Tabelle ...

Zwei Stunden später: Viel Spaß und Spannung, eine lange Zahlenkolonne,  ziemlich viele Geschwindigkeitsüberschreitungen bis hin zu 63 km/h, keine Frage mehr, wie Geschwindigkeit definiert ist - und eine Fortsetzung im Deutschunterricht. Denn das hohe Gefährdungspotential, das die Messreihe belegt, wird in einem offiziellen Schreiben der lokalen Polizeistelle mitgeteilt.

 

 

Abenteuer Technik

 

"Technik" ist einer drei Mittelschulzweige neben Wirtschaft und Soziales. Und hinter "Technik" verbirgt sich sehr viel mehr als das frühere "Werken", auch wenn heute immer noch gehämmert, gesägt und gebohrt wird.

Unsere Technik-Kollegen sammeln z.B. alte Fahrräder, zerlegen sie und bauen daraus mit den SchülerInnen mechanische Geräte, die auch mal als kreatives Objekt in der Landschaft stehen. Oder sie hören sich um, was sich in anderen Lerngruppen oder Schulstufen für Anlässe bieten, die eine technische Unterstützung brauchen könnten. Das können Jahresringbaumscheiben für die Visualisierung historischer Daten sein oder z. B. ein Spieleparcours oder eine mechanisches (Spiel- und Lern-)Objekt, mit dem beim Tag der Regionen Aufmerksamkeit gewonnen wird.

 

Beispiel Spiele-Parcours

Am Anfang standen verschiedene Überlegungen:

  • Die Vorbereitung auf die Projektprüfung in der 9. Klasse.
  • Der Wunsch nach einem "nutzbaren" Objekt für Veranstaltungen, das das Arbeiten im Unterricht zeigt.
  • Die Suche nach komplexen Aufgabenstellungen, die technisches Wissen mit handwerklichem Können und individueller Realisierung verbinden und zudem einen Bezug zur alltäglichen Erfahrungswelt bzw. zu den Praktika ermöglichen.

Was zunächst kompliziert klingt, fußt auf einem erprobten Fundament, denn projektorientiertes Vorgehen praktizieren die SchülerInnen seit der 7. Jahrgangsstufe und von fertigen Bausätzen mit einheitlichen Lösungen haben wir uns schon lange verabschiedet.

Was war also das Ergebnis?

Ein Kinderfest als Übungsprojekt für die 8. Jahrgangsstufe! Die Aufgabe anhand eines Leittextes hieß konkret: Entwerfe verschiedene Ringwurfspiele mit unterschiedlichen Befestigungsmöglichkeiten, plane deren Realisierung und führe die entworfenen Objekte fachgerecht und mit einer individuellen Gestaltung aus.

Ziel war ein Parcours aus unterschiedlichen, zerlegbaren Spielen, die wahlweise senkrecht aufgehängt, schräg oder gerade am Boden (und gegen Verrutschen gesichert!) im Gras angebracht werden.

Die in der Projektwoche entstandenen Spiele fanden als Ringwurfparcours auf dem Schulbasar gleich ihren ersten Einsatz; Punktekarten halfen, den geschicktesten Ringwerfer zu küren.

Präzise Anforderungen und offene Lösungswege

Ausgangspunkt des Übungsprojekts wie der späteren Projektprüfung ist eine Situationsbeschreibung mit klaren Kriterien und Funktionen für das Werkstück. Bei der Umsetzung in Design und Funktion stehen den kleinen Technikern dann viele Möglichkeiten offen.

Es gibt einheitliche, fachlich fundierte Werkweisen und Normen, die im Unterricht praktisch und theoretisch eingeführt und geübt werden. Deren Anwendung und Umsetzung im Werkstück der Schüler sind dann jedoch abhängig von der individuellen Lösung. Dabei wird der Schüler von der Lehrkraft beraten und unterstützt.

Der Schüler nimmt hier sehr viel stärker das Endprodukt als sein persönliches Werkstück wahr. Zu dem Stolz auf das handwerkliche Können kommt das Bewusstsein dazu, etwas Einzigartiges geschaffen zu haben. Und ganz nebenbei trainieren sie - neben der Planung und Herstellung funktionierender Elemente - auch eine differenzierte Wahrnehmung der optischen und haptischen Wertigkeit der zur Verfügung stehenden Materialien (Holz, Metall und Kunststoffen) und den bewussten, sparsamen Umgang mit dem Material.